Künstler und grosse Namen
Rolf Jacobi

Ein Leben für die schönsten Nebensachen der Welt
Der Sammler von mechanischen Musikinstrumenten Rolf Jacobi ist gestorben
Text Kurt Schlechtriemen
Fotos: Katrin Schweitzer
PDF BlickPunkt 18
„Natürlich ist es das Kind im Manne, welches mich bewogen hat, die Sammlerkultur zu pflegen.“ Mit diesen bescheidenen Worten freilich wird sein Sprecher, der im Januar dieses Jahres verstorbene
Geschäftsmann und Sammler Rolf Jacobi, weder seinem inneren Antrieb noch dem Gegenstand seines lebenslangen Bemühens gerecht, war er doch als Kaufmann erfolgreich und gleichzeitig als Sammler – fast
möchte man sagen – einfach genial. Um auf beiden Aufgabenfeldern Derartiges zu leisten, bedurfte es ungewöhnlicher Eigenschaften und Talente.
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Dabei weiß man nicht so recht, welche seiner beiden Passionen die dominantere war: sein Leben als Kaufmann und Mitinhaber des Modehauses Jacobi an der Hohe Straße oder letztlich doch die Leidenschaft für Musikautomaten, Spieluhren, Glockenspiele und Puppen mit Spielwerk, kurz für alles, was sich bewegt, akustisch bemerkbar macht und schön anzusehen ist.
Schwieriger Beginn
Sein bemerkenswertes Leben stand zunächst unter keinem guten Stern. Wenige Jahre nach der Geburt in Hamburg zog Rolf Jacobi mit Vater und Mutter sowie Bruder Günther nach Braunsfeld in die
Hermann-Pflaume-Straße. Sein Vater hatte das Modehaus übernommen, ist aber 1942 gefallen; das Geschäft wurde zerbombt. Rolf Jacobi besuchte das Hansa-Gymnasium und lernte bei Horten in Duisburg
Einzelhandelskaufmann. Danach lockte ihn das Ausland, und er verbrachte je ein Jahr in Argentinien und USA mit Tätigkeiten in Handel, Handwerk und Farmwirtschaft.
1956 schließlich nach Beschäftigungen in Bielefeld und Essen trat Jacobi als Geschäftsführender Gesellschafter in das elterliche Unternehmen ein, das er mit Mutter und Bruder wieder aufbaute.
Gleichzeitig kümmerte er sich in leitenden Positionen um Belange seines Berufsstandes. Die Heirat 1965 mit der Schweizerin Heidi Goetz und die Geburt des Sohnes Hans-Peter ein Jahr später waren
wichtige Ereignisse, die das Leben Rolf Jacobis maßgeblich bestimmten.
Anfang der siebziger Jahre zog die kleine Familie in das geräumige Haus in der Linnicher Straße, das auch genügend Platz bot für die Antiquitätensammlung. Nach der Herrichtung des Anwesens, die
etliche Jahre beansprucht hat, setzten die Aktivitäten des Ehepaars erst richtig ein.
Leidenschaft des Sammelns
Wie aber sieht das Geschäft des Sammelns konkret aus, lautete unsere Frage. „Mittlerweile hatten die Jacobis einen Namen in der Fachwelt, und wir erhielten Angebote von überall her, aus ganz
Deutschland, aber auch aus der Schweiz und anderen Ländern“, so die Antwort. Dennoch kamen die kleinen und vor allem die großen Schätzchen und Raritäten nicht einfach so ins Haus. Oft mussten Reisen
unternommen werden, nicht selten machte man bei einer Geschäfts- oder Urlaubsreise einen Abstecher.
Mit den Jahren kam so das faszinierende Ensemble zusammen, das an die 250 große und größere Objekte umfasst, sowie eine unüberschaubare Anzahl kleiner und kleins-ter Kostbarkeiten – ein Sammelsurium
im allerbesten Wortsinn. Da sind zum Beispiel die tanzenden Puppen im Biedermeier-Look, restauriert im Victoria and Albert Museum in London, der münzbetriebene „Fidelio“-Spielschrank als
Gaststättengerät, ein Nähkästchen mit Walzenspielwerk, um 1850, dann der Mercedes unter den Drehorgeln von G.BACIGALUPO, gefertigt von dem früh zugewanderten „Gastarbeiter“ in der Schönhauser Allee79
BERLIN.N (Hersteller-Logo) sowie das bezaubernde Musiker-Ensemble aus der Manufaktur Hoechst, um 1890.
In einer eigenen Groß-Abteilung finden sich diverse monumentale Objekte, angeführt von sehr attraktiven Stücken wie dem des Kinderkarussells (original und inklusive Spielwerk natürlich) bis hin zu
elektrischen Klavieren, darunter ein Prachtexemplar der Firma Steinway&Sons mit Welte-Nuancierungs-Apparat, ein ganz besonderes Sammelstück, von Jacobi vom Studio Basel erworben. Und alles singt,
klingt, macht Musik, ist farbenfroh und schmeichelt Augen und Ohren. Herz, was begehrst du mehr? Nun, genannt werden müssen noch die Hunderte feinst bebilderter Grammofon-Nadeldosen, die Musikträger
in Form von Platten und Lochstreifen, aber auch die umfangreiche Fachbibliothek.
Selbstspielende Geigen?
Keinesfalls unerwähnt bleiben dürfen indes auch die „Selbstspielenden Geigen“, das 260x150x70 Zentimeter messende Highlight der Sammlung, bei dem drei im Halbkreis angeordnete, aufrecht stehende
echte Violinen von einem Rosshaarbogen bespielt werden, der um die Instrumente rotiert. Am Beispiel dieser Attraktion kann auch die manchmal recht prosaische Arbeit des Sammelns verdeutlicht
werden.
Der Tipp kam seinerzeit von der Frau des Chefrestaurators Winnen am Stadtmuseum: In einem Gasthof bei Montabaur stehe ein Instrument, zur Zeit seiner Erbauung am Beginn des 20. Jahrhunderts gepriesen
als achtes Weltwunder. Der Wirt brauchte Platz in der Gaststube und Geld, weil er heiraten wollte, und so wurde man handelseinig – zu einem Preis, den die Sekretärin mit „Herr Jacobi, Sie ruinieren
sich“ kommentierte. Damit war das gute Stück aber noch längst nicht in der Linnicher Straße. Ein Antiquitätenschreiner musste es erst aufwändig demontieren, um von der Spedition nach Köln
transportiert zu werden.
Eine Seelenverwandtschaft
Rolf Jacobi ist „ein Mann der ersten Stunde, was das Sammeln von mechanischen Musikinstrumenten angeht“. Mit diesen Worten ehrt ihn der Diplom-Ingenieur Rainer Scharl, den der Sammler seinerseits
einen „seelenverwandten Freund“ nannte. Beide hatten sich schon vor Jahrzehnten auf einer Ausstellung in Krefeld kennengelernt, und seither waren sie unzertrennlich. Scharl wurde zum engen,
unverzichtbaren Berater und Mitarbeiter.
Der Freund war es auch, der die Idee hatte, die Sammlung so zu präsentieren, dass sie als Privatmuseum gezeigt werden konnte. Heidi Jacobi ist des Lobes voll: „Rainer Scharl kennt jedes technische
Detail.“ Folgerichtig übernahm der auch die Museumsführungen und macht sie bis zum heutigen Tag. Auch er steht für die Einschätzung, dass der Sammler es verstand, sich mit den richtigen, zu ihm
passenden Menschen zu umgeben.
Engagement und Menschenkenntnis
Heidi Jacobi betont, wie unermüdlich tätig ihr Mann war. Dabei blieben für die Liebhaberei während der Berufsjahre nur die Abende und die Wochenenden. Zum Fleiß kamen Ehrgeiz, Zielstrebigkeit sowie
ein sehr gutes technisches Verständnis. Alle, die ihn kannten, bezeichnen ihn als „Menschenversteher“, was es ihm ermöglichte, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben. Dazu gehörten wohl vor allem
seine Frau Heidi und der Freund Rainer Scharl.
Vor zehn Jahren schon, 2001, war Jacobi aus dem Modehaus ausgeschieden. Natürlich blieb er nicht untätig, im Gegenteil. Anlässlich des 75. Geburtstags hatte Rainer Scharl einmal aufgelistet, wie
der Alltag des Pensionärs immer noch aussah: „Viele Projekte halten das Geburtstagskind wie eh und je auf Trab. Eine Sonderausstellung mit Stichen in Waldkirch ist abzubauen, ein Orgelwagen für die
42ger Bagigalupo-Notenbandorgel soll her, eine Spieldose mit 184 Stahlkämmen soll in der französischen Schweiz repariert werden, ein Bremsenschaden am Kirmesorgelanhänger muss beseitigt werden,
nebenbei ist die Restaurierung eines achtzehn mal vier Meter großen Rückwandbildes einer Schiffsschaukel zu überwachen, und das Geburtstagsgeschenk seiner Frau Heidi, ein Mutoscope, ist in die
Sammlung der optischen Geräte zu integrieren.“ Wie man sieht, war Rolf Jacobi trotz Krankheit bis zuletzt aktiv und hatte viele Pläne.
Dem Bürgerverein Köln-Müngersdorf fühlte sich der Verstorbene – wie auch seine Frau Heidi – verbunden. Natürlich war er Mitglied bei uns; etliche Veranstaltungen hat er persönlich mit der Musik
seiner Drehorgeln untermalt. Der Vorstand des Bürgervereins hat Heidi Jacobi, der wir auch zu Dank verpflichtet sind, inzwischen die Ehrenmitgliedschaft angeboten.
Rolf Jacobi ist am 18. Januar achtzigjährig an einer nicht geklärten Komplikation in der Universitätsklinik Köln ganz unerwartet verstorben. Begraben ist er auf dem Melaten-Friedhof. Wir werden ihm
stets ein
ehrendes Andenken bewahren.
Die Privatsammlung wird weiterhin zu besichtigen sein in der Linnicher Straße 54a jeden letzten Sonntag im Monat um 11.00 Uhr und um 15.00 Uhr.
www.sammlung-jacobi.de
Bürgerverein Köln-Müngersdorf e.V.
Kirchenhof 4
50933 Köln
T 0221 - 49 56 16
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