Umwelt + Grünes | Wetterpilze

Wetterpilze in Köln und im Rest der Welt

Pilz auf dem Nordfeld in Müngersdorf

Nicht nur kuriose Gebilde

 

Text: Klaus Herda | wetterpilze.de

Fotos: Peter Heuser | Klaus Herda

Beitrag aus BlickPunkt 33 | 2020

 

Es gibt sie immer noch, die scheinbar unscheinbaren Orte und rätselhaften Bauwerke wie zum Beispiel auf dem Nordfeld in Müngersdorf mit seinem versteckt gelegenen Wetterpilz. Eigentlich ist es nur eine gut 2,5 Meter hohe Säule mit einem flachen runden Dach aus massivem Beton, die eine Rundbank aus Holz überdacht und auf der Passanten vor Regen Schutz suchend sich unterstellen können.  Doch nähert man sich diesem kuriosen Gebilde, ist man beeindruckt von dem riesigen, aber doch auch minimalistischen Bauwerk. Dieser „Pilz“ – wie ihn der Volksmund nennt –  steht hier schon seit so vielen Jahrzehnten, dass sich kaum noch jemand daran zu erinnern scheint, wann genau er dort errichtet worden ist. Nur, dass er einen Vorgänger aus Holz hatte, wussten alteingesessene Müngersdorfer noch zu berichten. Das muss in den 1950er- oder 1960er-Jahren gewesen sein.

Nordfeld im Januar

Damit steht dieser Wetterpilz nicht alleine in Köln da, denn nach dem 2. Weltkrieg hatte sich die Stadt während der Wiederaufbauphase einige wunderschöne Wetterpilze aus Holz gegönnt. Nicht nur auf dem Nordfeld, sondern u. a.  auch auf dem Pilzberg im Beethovenpark in Sülz, einem der 11 sog. Trümmerberge in Köln, standen sie einst. Wegen Vandalismus brannten viele im Laufe der Zeit ab, und die Stadt suchte nach Ersatz. Da kamen die guten Verbindungen zu einem Betonfertigbauwerk im Siegener Land gerade recht, denn mit dem Bau der U-Bahn und weiterer größerer Bauprojekte war der Bedarf an Beton enorm groß, und die Idee, nebenbei auch einen Wetterpilz aus Beton erstellen zu lassen, war geboren. An Betonpilzen konnten keine Brandstifter ihr Unwesen treiben, und der Aufwand für Reinigung und Pflege versprach, geringer zu sein als bei Holzbauten. Und genau das hat sich auch bewahrheitet, sodass bis Anfang der 1970er-Jahre in Köln genau 22 Betonwetterpilze neben 10 weiteren Pilzen aus Holz bis heute zu bewundern sind.

Pilz auf Poller Wiesen bei Hochwasser

Die jüngeren Kölner Beton-Wetterpilze zeichnen sich dabei durch ein spitzes Dach aus, während die älteren ein stark abgeflachtes Dach besitzen. Ein völlig flaches Dach wie bei dem Exemplar im Nordfeld ist jedoch einzigartig – und zwar nachweislich weltweit! Dies brachten die Recherchen eines Projektes zur Dokumentation dieser eigenartigen Unterstände zutage, deren Ausgangspunkt die Kölner Wetterpilze waren. Ein Projekt, das mittlerweile auf der ganzen Welt nach diesen Unterständen, die die Menschen in ihrem Formenreichtum und ihrer Schönheit begeistern, recherchiert.
Der Kölner „Wetterpilz-Sammler“ Klaus Herda begann 2012 damit, sie zu suchen und die Geschichten ihrer Entstehung und die der Menschen in ihrer Umgebung aufzuschreiben. Im Laufe der Zeit fanden sich immer mehr „Wetterpilzfreunde“ zusammen, die sich an diesem Projekt beteiligt haben. Bis heute sind auf der Webseite www.Wetterpilze.de knapp 1000 Pilzstandorte weltweit beschrieben, zusammengestellt von rund 300 „Freunden des Wetterpilzes“, und jeder ist eingeladen, sich hier mit eigenen Pilzfunden, Fotos oder Informationen zu beteiligen. Wetterpilze tauchen in den kuriosesten Formen und an den abenteuerlichsten Orten auf und sind sehr oft einfach nur wunderschön. Oft als Fliegenpilz bemalt oder majestätisch mit ausladendem Reetdach wie auch hier in Köln im Forstbotanischen Garten.

 

Die Häkchen stellen die Standorte der heutigen Wetterpilze dar, die Kreuze die, die nicht mehr stehen. http://wetterpilze.de/Koeln.shtml

Mit 29 Wetterpilzen wird Köln weiterhin Weltwetterpilzkulturhauptstadt bleiben

 

Um diese Schönheit allen Bürgern Kölns nahezubringen, wurde im September dieses Jahres in der Kunsthalle des Bezirksrathauses in Lindenthal die erste internationale Wetterpilz-Ausstellung unter dem Titel „Wetterpilze in Köln und im Rest der Welt“ durchgeführt. Von der Bezirksbürgermeisterin Helga Blömer-Frerker eröffnet, lockte sie an drei Wochenenden einige Hundert Besucher aus Köln, aber auch aus weiter entfernten Städten an und begeisterte die staunenden Gäste.

 

Solche Pilz-Architekturen besitzen übrigens eine alte Tradition. Bereits im 18. Jahrhundert sind Wetterpilze in Europa bekannt. In der Geschichte der Gartenkunst findet man dazu frühe Belege. Der Begriff „Gartenkunst“ klingt heute recht langweilig und ist auch ein wenig dekadent, war die Gestaltung von „Gärten“ bzw. Parkanlagen in Euro-pa historisch gesehen doch nur ein Privileg des Adels, und Staffagebauten fanden sich – wenn überhaupt – nur in Schlossgärten. Der Normalbürger hatte nichts davon, und wenn er ins Grüne ging, dann meistens nur zum Schuften auf dem Feld oder im Wald. Erst mit Einführung der sog. „Englischen Landschaftsgärten“ im 18. Jahrhundert, der Zeit der „Aufklärung“, machten sich langsam etwas zivilisiertere Verhältnisse breit, und auch Größe und Ausmaß insbesondere europäischer öffentlicher Gärten und damit auch die Menge sogenannter Zierbauten stiegen an.

Pilz nahe Militärring

Der „Ur-Wetterpilz“ befand sich aber ganz weit von Europa entfernt. Die Eindrücke der in dieser Epoche durchgeführten Entdeckerreisen in die Südsee von James Cooks und Georg Forster schlugen sich stilistisch in der Gestaltung von Parks und Gärten nieder. Sogenannte „otahitische Partien“, Unterstände, die an Sonnenschirme an den Stränden Tahitis erinnern, finden sich auf historischen Gemälden historischer Anlagen, und heute würde man diese als ganz normale Wetterpilze bezeichnen. Das erste bekannte Gemälde mit einem solchen Motiv stammt aus dem Jahr 1795 mit einem Pilz im „Englischen Garten“ in München. Aber auch in den Schlossgärten fand diese pilzförmige Variante bis ins 19. Jahrhundert viele Freunde. Ein beeindruckendes Exemplar in Potsdam aus jener Zeit wurde erst kürzlich restauriert und ist sehr liebevoll und künstlerisch gestaltet. Danach wurden in Schloss-parks dann eher große Pavillons mit mehreren außen tragenden Säulen errichtet – auch schön, aber leider keine Pilze. Eben diese Einzelstämmigkeit, die die Pilzassoziation hervorruft, macht doch ihren Reiz aus. Ihr ganzes Gewicht lastete auf einem einzelnen Punkt – eine statische Herausforderung, die im Ergebnis zu sehr stabilen und massiven Bauten führt, die nach allen Seiten offen sind und dadurch die einzigen Gebäude ohne Wände darstellen.

Decksteiner Weiher 1932

Nicht nur die Geschichte des Wetterpilzes auf dem Nordfeld lässt noch Fragen offen. Es gab auch vor dem 2. Weltkrieg mindestens einen weiteren Wetterpilz. Dieser vermeintlich erste seiner Art auf Kölner Stadtgebiet existierte in den 1930er-Jahren am Ostufer des Decksteiner Weihers. Er bestand aus Holz und ist wahrscheinlich in den Kriegsjahren zerstört worden. 2012 meldete sich eine Lindenthalerin mit einem Foto, auf dem sie als Kind dort zu sehen ist. Auch die Mutter des Wetterpilz-Sammlers Klaus Herda und deren Schwestern, die im benachbarten Efferen zur Schule gingen, können sich heute noch daran erinnern, dass sie sich mit anderen Schülern in den 30er-Jahren genau an diesem Pilz trafen. Er war also ein damals recht bekannter Treffpunkt und wird wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Gestaltung des Grüngürtels bzw. des Decksteiner Weihers zwischen 1927 und 1929 errichtet worden sein.

Wetterpilz-Ausstellung 2019 in der Kunsthalle des Bezirksrathauses Köln-Lindenthal

Vielleicht gibt es ja eine ähnliche Geschichte zum Wetterpilz auf dem Nordfeld in Müngersdorf zu berichten.
Auf der Wetterpilz-Ausstellung in der Kunsthalle des Bezirksrathauses Lindenthal kam natürlich auch häufig die Frage auf, ob denn in Köln auch mal neue Wetterpilze gebaut werden; immerhin sind in den letzten Jahrzehnten ja auch einige Exemplare aus Holz ersatzlos verschwunden – der Letzte Anfang des Jahres in Porz-Ensen. Der Bau wenigstens eines richtig schönen großen Wetterpilzes wäre eine große Bereicherung für unsere Stadt, und einen echten Bedarf nach einer Unterstellmöglicheit gibt es auch: im Landschaftspark Belvedere, der ja zu Müngersdorf gehört. Es sind zwar einige sehr große Aussichtsplattformen erstellt worden, doch im Falle eines Regens steht man alleine auf weiter Flur. Deshalb und auch um die Attraktivität dieser vergleichsweise jungen und unbekannten Grünanlage zu fördern, käme ein neuer Impuls in Form eines Wetterpilzes gerade recht  und könnte dazu beitragen, dass Köln auch weiterhin Weltwetterpilzkulturhauptstadt bleibt.

 

> Ein Wetterpilz als Wetterschutz | BP 33

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