Können Karten lügen?
Die Ortsentwicklung von Müngersdorf anhand von Landkarten
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ein altes Sprichwort. Das gilt auch für historische Landkarten: Sie erzählen die Geschichte von Orten. So auch in Müngersdorf; das einstige Dörfchen eine halbe Tagesreise entfernt vom mittelalterlichen Köln. Aber manchmal muß man lernen, auf Karten Dinge zu sehen, die nicht zu sehen sind. Die nachfolgende Story basiert auf einem Vortrag auf der Mitgliederversammlung im Mai 2026.
Stand: 25.6.2026, von Hanno Frings
Die kartografische Abteilung der Stadt Köln bietet allen Bürgerinnen und Bürgern historische Stadtpläne und Landkarten zur Ansicht an; in einem ausgezeichneten > Portal
Hier findet geschichtlich Interessierte eine Menge zum Stöbern und Erforschen. Auch können zwei beliebige Karten unterschiedlicher Jahre über eine schicke Blendenschieberfunktion direkt miteinander verglichen werden.
Für den nachfolgenden Artikel (und den Vortrag im Mai 2026) haben uns die netten Archivare des „Katasterbestand und -service Köln“ die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben. Im folgenden Artikel können wir aus technischen Gründen nur von Bild zu Bild hüpfen - aber man kann ja hin und her blättern.
Als Sub-Info tragen alle Karten die jeweilige Einwohnerzahl. Diese Zahlen kann man auf den Seiten der Stadt Köln recherchieren; Ergänzungen habe ich von den Statistikern der Stadtverwaltung erhalten - danke auch dafür.
Kleiner Tipp: Zum Vergrößern die Karten einfach anklicken
(und Handys dann 90o drehen)
2026
Am Anfang rein zur Orientierung eine aktuelle Karte von > OpenStreetMap aus dem Jahr 2026. Das freie Kartenportal werden viele schon kennen. Auf dieser Karte - weltweit von Ehrenamtlern gepflegt - stimmt alles bis auf den Dezimeter genau: Straßen, Gebäude, Grünanlagen auch in Müngersdorf sind praktisch grundrißgetreu. Von dieser Genauigkeit sind viele der alten Karten, die im Folgenden zu sehen sind, weit entfernt.
Zum Verfahren: Um die verschiedenen Kartendarstellungen vergleichbar machen zu können, habe ich vier Referenzpunkte angelegt, die durch alle Jahrzehnte hindurch praktisch gleich geblieben sind:
A = Mittelpunkt Bahnhofsgebäude Belvedere
B = Mittelpunkt Kreuzung Belvederestraße / Herrigergasse
C = Mittelpunkt Kirchenschiff St. Severin
D = Nordwestliche Ecke Maarweg / Aachener Straße
Mit Photoshop konnte dann jede einzelne digitale Karte durch kleine Anpassungen von Höhe, Breite und ggf. durch Verzerrung über diese Punkte sozusagen „geeicht“ werden. Außerdem habe ich eine grobe Mittellinie der Aachener Straße (E) festgelegt, um alle Karten einfacher ausnorden zu können.
Hundertprozentige Überlappungsgenauigkeit ergibt das nicht, dafür sind die Karten in ihren grafischen Darstellungen und in ihrer kartografischen Genauigkeit zu unterschiedlich. Aber auf gefühlte 90 Prozent kommt man allemal. Uber meine folgenden Anmerkungen (die mit blauen Zahlen oder Pfeilen markiert sind) hinaus kann jeder „auf eigene Faust“ beim Studium der Karten noch mehr Details entdecken.
1807
Die älteste auffindbare Karte, die über eine schematische Darstellung hinaus eine kartografische Aussage hat, ist von 1807. Damals heißt Müngersdorf noch Mungersdorf und ist eine eigenständige Gemeinde mit 230 Einwohnern: Ein paar Gutsbesitzer, Landarbeiter auf Lohnbasis, Handwerker und Einzelhändler mit ihren Familien.
Die Aachener Straße (1) ist eine kopfsteingepflasterte, offenbar leicht erhöhte Allee, auf der gerade mal zwei Pferdefuhrwerke aneinander vorbei rollen können.
An der Ecke Aachener / Maarweg (2) gibt es noch gar nichts außer Acker. Nördlich der vorhandenen Kreuzung ist der namensgebende Maarhof (3) zu sehen. Den Bahnhof Belverdere, ja: die ganze Eisenbahnstrecke von Köln nach Lüttich (4) existiert noch nicht.
Aber die heute uns vertraute Grundstruktur von Alt-Müngersdorf ist klar erkennbar: Kirche, die Belvederestraße nach Norden raus, die Wendelinstraße mit ein paar bäuerlichen Häusern sowie der noch unbebaute Lövenicher Weg, von dem aus die Brauweiler Straße (5) durchgängig in Richtung Westen verläuft. Der Kämpchensweg ist zu dieser Zeit offensichtlich nicht einmal ein Trampelpfad.
1836
30 Jahre später hat sich an der Grundstruktur im Ort Müngersdorf nicht viel geändert. Aber ein großer Entwicklungsschritt ist die neue Eisenbahnstrecke nach Belgien (1). Aus dieser Zeit stammt auch der Bahnhof Belvedere. Auf dieser Karte von 1836 sind die Bahntrasse und der Bahnhof schon eingezeichnet, aber noch im Bau.
Der Bahnhof wird 1839 eingeweiht, ab dann fahren auch die Züge. Der Ausblick von diesem erhöhten Ort nach Osten auf Köln () ist damals wie heute grandios. Belvedere. Aber auch wenn die Bäume von heute noch nicht stehen, kann man den Dom damals nur als Riesenklotz in der niedrigen mittelalterlichen Bausubstanz wahrnehmen, denn der bekommt seine beiden Türme erst kurz vor 1880.
Heute ist der Bahnhof Belvedere, um dessen Erhalt und Restaurierung sich tapfere Ehrenamtliche in einem Verein seit Jahren bemühen, das offiiziell älteste erhaltene Bahnhofsgebäude Deutschlands. Warum hat Köln daran so ein geringes Interesse?
Der Gutshof in der Mitte von Müngersdorf (braunes Viereck rechts von der 2) ist der Marienhof oder auch Alter Petershof; restliche Ziegelhäuser stehen heute noch an der Ecke Dorfplatz, Belvederestraße - liebevoll renoviert. Den heutigen Petershof (helle Straßenecke oberhalb der 2) gibt es noch nicht, der wurde erst 50 Jahre später gebaut. Als Ersatz für den Marienhof. Die Karte zeigt: An dieser Stelle liegt noch ein Acker, wie praktisch im gesamten Umland von Müngersdorf (der Grüngürtel kam viel später).
Damals gehören übrigens noch Subbelrath und Ehrenfeld zur Gemeinde Müngersdorf; das wurde 1867 geändert.
1871
Der nächste Zeitsprung geht nach 1870. Auf dieser Karte sieht man die Lage der damals sieben Gutshöfe in Müngersdorf sehr schön. Aber die Karte hat offensichtlich eine andere Funktion.
Zu dieser Zeit beginnt die preussische Regierung mit dem massiven Ausbau von Köln als Festungsstadt. Diese Karte? Vermutlich militärisch, da sie sehr genau die Armee-Anlagen bei Müngersdorf zeigen. Auf späteren „zivilen“ Stadtkarten sind die Forts nämlich nicht eingezeichnet - „Feind hört mit“. Das Fort V in Müngersdorf (1) wird bekanntlich erst 1963 geschleift werden. Hundebesitzer kennen die verborgenen Stellen mit Backsteinüberresten. Viele von Ihnen waren bestimmt schon mal zur Besichtigung im Fort IV in Bocklemünd; die beiden Forts sind fast baugleich. Drumherum entstehen Ende des 19. Jahrhunderts noch Zwischenwerke mit Artillerie sowie weitere Funktionsgebäude.
Die Bezeichnung „Militärringstraße“ (2) ist wörtlich zu nehmen: Es ist eine durchgehende, gut ausgebaute Straße an allen Festungen von Köln vorbei, um Versorgung und Truppen schnell und leicht bewegen zu können. Dieser einstige Militärring verläuft quer durch Müngersdorf. Daran erinnert der heutige Name Alter Militärring. Die Überkreuzung mit der im Bau befindlichen Eisenbahn ist natürlich kein Zufall, sondern militärische Planung. Die heutige vierspurige Schnellstraße „Militärring“ wird erst viel später in den 1980er Jahren gebaut.
Ein Kartograf der Stadtverwaltung hat sich die Arbeit gemacht, die Lage der einzelnen Gebäude auf eine heutige Karte zu übertragen.
Hier sieht man die Lagen einzelner, auch späterer Militäranlagen ausgezeichnet im heutigen stadträumlichen Kontext.
1895
Wie gesagt: Auf späteren „zivilen“ Karten sind die Fort-Anlagen lange nicht eingezeichnet (1). Doch auf der Karte um 1895 herum sieht man, dass Müngersdorf zu prosperieren beginnt. Die Gründerzeit läuft auf Hochtouren.
Müngersdorf wurde 1888 nach Köln eingemeindet und hat nun 1150 Einwohner. Die Städte werden in dieser Epoche europaweit immer größer und wollen Reichtum und Schönheit zeigen. Die Bebauung nimmt allgemein zu, wie man an Braunsfeld (2) sehen kann. Müngersdorf aber behält seinen Dorf-Charakter bei, auch wenn seinerzeit über die Jahrhundertwende hinweg ein paar „hochmoderne“ Gründerzeithäuser gebaut und mehrere neue Grundstücke ausgewiesen werden (3).
An der Bahntrasse entsteht die Kölner Gasanstalt (4) zur Versorgung der modernen Großstadt, um die herum sich ein Industrieviertel entwickeln wird. Die Abzweigung der Bahn nach Süden (5) existiert bekanntlich noch heute, wo immer noch Güterzüge quer über die Aachener Straße durch den Grüngürtel zockeln.
Es ist eine Epoche, in der viele Menschen aus armen Gegenden wie Eifel, Bergisches Land oder Niederrhein in die großen Städte und besonders nach Köln umsiedelten. Mein Uropa väterlicherseits zum Beispiel kam kurz nach der Jahrhundertwende als Schuhmachermeister aus der Eifel nach Köln.
1915
Auf dieser Karte im zweiten Jahr des I. Weltkriegs erkennt man im Kölner Westen weitere Verdichtung der Bebauung - ganz stark auch industrielle und gewerbliche Bebauung. Es sind gerade mal 20 Jahre seit der vorletzten Karte vergangen. Die Einwohnerzahl von Müngersdorf spricht für sich: Verdoppelung in nur zwei Jahrzehnten.
Klar ist „im Dorf“ die heute noch gültige Straßenführung zu erkennen: Belvederestraße, Militärring, Vitalisstraße, Stolberger, Widdersdorfer - sieht alles gewohnt für uns aus. An der Vitalisstraße (1) entstehen nach und nach die typischen Werkshäuser für die Facharbeiter und Ingenieure der Gasanstalt und ihre Familien. Braunsfeld wächst ebenfalls konsequent; die weitere Vergrößerung entlang urban erschlossener Straßen ist erkennbar eingeplant (5).
Die Fortanlagen sind immer noch nicht eingezeichnet, obwohl sie jetzt - 1915 - schon 40 Jahre alt sind.
Dafür ist auf der Karte nun der uns bekannte Petershof (2) zu erkennen, der Ende des 19. Jahrhunderts neu gebaut worden war. Den neuen Petershof hatte der Gutsbesitzer vom Marienhof erbaut: Größer, schöner, praktischer - und raus aus dem alten Dorfkern, denn man braucht hier Platz für Wohngebäude.
An der Ecke Wendelinstraße / Lövenicher Weg (6) ist ein größeres schwarzes Rechteck mit vielen kleinen dabei eingezeichnet. Das war auch ein Bauernhof. Die kleineren Rechtecke sind wahrscheinlich Ställe und Wirtschaftsgebäude des Hofes, denn die Wohnhäuser von heute stehen längst noch nicht. Mir scheint diese Darstellung im Jahr 1915 trotzdem nicht aktuell zu sein. Denn das allererste Haus, das am südlichen Lövenicher Weg gebaut wurde, ist die Nr. 29 aus dem Jahr 1908. Und Fotos zeigen: Da steht bis in die 30er Jahre nix. An der Wendelinstraße stehen aber schon fast alle der heute noch existierenden alten Wohnhäuser.
Die Einfärbungen auf dieser Karte stechen hervor: Augenscheinlich sind die dunkelroten Gebiete Wohnbebauung, die hellroten gewerblich und industriell, das Grün im Süden (es gab schon den großen Stadtwald, 3) spricht für sich, Blau symbolisiert sehr, sehr dick die Kölner Stadtgrenze im Westen. Man demonstriert Selbstbewußtsein, und Junkersdorf ist noch nicht Köln (wird es erst 1975).
Interessant: Innerhalb des industriell und gewerblich geprägten Braunsfeld entwickelt sich - von der Hauptbahnstrecke abgehend - ein Netz von Werkseisenbahnen (4), um Materialien und Endprodukte leicht transportieren zu können.
1925
Fast ein Running Gag: 1925 ist das Fort V in Müngersdorf als Gebäude - und es war ein sehr großes Gebäude - immer noch nicht richtig eingezeichnet. Aber immerhin das Gelände (1). Der alte Festungsgürtel hat längst keine militärische Bedeutung mehr und wird auf Betreiben des Oberbürgermeisters Konrad Adenauers ab 1922 zum heutigen Grüngürtel ausgebaut. Dieses Großprojekt soll die hohe Arbeitslosigkeit nach dem I. Weltkrieg kompensieren.
In diesem Zusammenhang steht auch etwas, das 1925 richtig neu ist: Der Sportpark mit dem Stadion (2). Alles sieht kartografisch fast aus wie noch heute: Vorwiesen nördlich (3), Jahnwiesen südlich vom Stadion, Nebenstadien, die Radrennbahn (4) und der heutige Hockeyplatz (5). Auch das Stadionbad (6) mit dem olympischen Becken stammt aus dieser Zeit; es wurde 1923 eingeweiht.
Beschlossen hat der Kölner Rat den Sportpark und das große Stadion 1921 im Zuge des Grüngürtelausbaus. Meine Güte: Wie schnell damals Köln mit Großbaustellen war... Willkommener Anlaß für den großzügigen Bau des Sportparks ist auch das erwartete Deutsche Sportfest von 1928. Damals ein Riesenereignis für Köln.
Wenn man die Aachener Straße zwischen Braunsfeld und Müngersdorf betrachtet, tut sich da baulich einiges. Köln wächst und wächst - auch im Westen. In Alt-Müngersdorf (7) werden ehemalige landwirtschaftliche Flächen ebenfalls immer dichter bebaut. Felder in Ortsnähe mutieren zu Bauland. Wichtig für Müngersdorf: Im Norden ist die Freiluga zu erkennen (8). Die städtische Freiluft- und Gartenarbeitsschule wird - ebenfalls im Rahmen des Grüngürtels - 1925 gegründet. Die Freiluga hat letztes Jahr 100jähriges gefeiert.
Auch Junkersdorf (9) wächst von der Aachener Straße her deutlich sichtbar zu einem Kölner Wohnviertel heran. Und noch ist in Braunsfeld der Maarhof (10) zu erkennen; es ist das große Eckgrundstück der heutigen Schule.
1935
Eine weitere Dekade später ist der Maarhof (10) von der Karte verschwunden: Bauland für typische Arbeiterwohnhäuser, wie es sie überall in Deutschland aus dieser Zeit gibt. Auf dieser Karte von 1935 ist die Darstellung der Stadtteilflächen sehr sparsam angelegt, während die genaue Darstellung der Sport- und Parkflächen auffallen.
Hier sieht man sehr schön, wie die Gebiete des westlichen Grüngürtels, des Sportparks und des Stadtparks südlich von Braunsfeld als homogene Parklandschaft zusammenschmelzen. Die Karte selbst? Wohl wieder eine für einen ganz bestimmten Zweck, der sich uns verschließt.
Es fallen Details auf:
Die Fläche westlich des Fort V - etwa die Lage des heutigen modernen Fußballplatzes - heißt plötzlich „Adolf-Hitler-Feld“ (1). Dort sieht die Bebauung wie ein stattliches Aufmarschfeld oder eine spezielle Sportarena aus. Auch zwei weitere Sportplätze sind eingezeichnet. Überbleibsel vom erwähnten Deutschen Sportfest von 1928 oder NS-Bauboom?
In Alt-Müngersdorf ist 1935 der neue Petershof namentlich eingetragen (2), obwohl es zu dieser Zeit immer noch andere Gutshöfe gab, die aber auf der Karte nicht zu sehen sind. Warum? Vielleicht, weil der Petershof gar kein Bauernhof mehr ist, sondern die Unterkunft der Reiterstaffel der Hitlerjugend. Der Hof gehört damals schon der Stadt und hat vielleicht eine gewisse zentrale Bedeutung im Rahmen seiner braun gefärbten Funktion.
Ach ja, und die Hobby-Statistiker merken sich jetzt mal: 5300 Einwohner.
1944
Kenner der Müngersdorfer Geschichte ahnen es: Das dunkelste Kapitel der Ortshistorie wird kartografisch komplett ausgeblendet - auch noch Jahre danach auf jüngeren Karten. Denn im Fort V selber (1) sowie auf dem Gelände nördlich bis zur Bahnlinie (2) entstand 1941 das NS-Deportations- und Arbeitslager. Wo 1944 harmlose Sportplätze eingetragen sind, werden unter widrigsten Bedingungen viele tausend Menschen - Mütter, Kinder, Väter, Großeltern - interniert und mit der Bahn (3) via Kölner Messegelände in die Konzentrationslager deportiert. Landkarten können lügen...
1944 war das letzte volle Kriegsjahr. Anzunehmen, dass zumindest in den vergangenen fünf Jahren seit Kriegsbeginn in der Zivilgesellschaft baulich nicht viel passiert war und die Stadtverwaltung immer mehr andere Sorgen hatte, als die Aktualisierung von Landkarten. Zumindest erkennt man im Vergleich zu etwas älteren Karten so gut wie keine Unterschiede.
Ein Detail in Müngersdorf aber ist neu: Die Reithalle. Der Kölner Reit- und Fahrverein ist einer der ältesten Reitvereine in Deutschland, war aber Ende 19. und Anfang 20. Jahrhundert an der Venoer Straße und in der Wahner Heide angesiedelt.
Inwieweit in Müngersdorf in den 20er und 30er Jahren bauliche Reitanlagen bestehen, geht aus den bisherigen Karten nicht hervor. Im Internetauftritt des Reitvereins gibt es ebenfalls keine genauen Informationen. Doch nach dem Krieg und bis in unsere Gegenwart hinein trägt das Sportfeld nördlich der Reithalle - das heutige Baseball-Gelände - immer wieder Bezeichnungen wir „Reitbahn“ oder „Reit- und Turnierplatz“.
Reitwege soll es übrigens im frühen Adenauerschen Grüngürtel der 20er Jahre schon gegeben haben. Die Reithalle selbst wird entweder während der ersten Kriegsjahre oder - wahrscheinlicher - kurz vor dem II. Weltkrieg gebaut. Mit ausschlaggebend mag auch hier das Umfeld der HJ-Reiterstaffel im Petershof sein.
Müngersdorfs Einwohnerzahl 1944? Etwa 4000. Und um es vorweg zu nehmen: 1955 waren es wieder ca. 5800. Wieviel war es noch 1935? Diese Schwankung liegen auf der Hand: Der Krieg.
Auf den öffentlichen Karten der Kriegs- und Nachkriegsjahre ist nichts über Kriegsschäden ersichtlich. Meines Wissens nach gibt es aber Spezialkarten zu den Bombenschäden. Köln war eines der großen Ziele für die alliierten Bomber und hatte ab der Katastrophe vom 30. auf den 31. Mai - der sogenannte „Tausend-Bomber-Angriff“ - immer wieder unter schwersten Nachtangriffen zu leiden. Müngersdorf hat laut einzelner Erzählungen alter Müngersdorfer angeblich kaum Bombenschäden abbekommen. Braunsfeld und Ehrenfeld mit den vielen Fabriken und der Bahnlinie sicherlich um so mehr.
1955
Auf der Karte von 1955 sieht man es: Das heute Baseball-Gelände heißt „Reitbahn“ (1). Lustig: Der östliche Teil des Brauweiler Wegs (2) heißt immer noch so, obwohl er schon seit den 20er Jahren vom Adenauerschen Grüngürtel unterbrochen ist. Und selbst dies Teilstück existiert heute nicht mehr richtig. Es ist der Trampelpfad vom Kämpchensweg am Riphahn-Haus vorbei über den Reithof zwischen Gebäuden und Misthaufen entlang zum Marathonweg.
In Müngersdorf werden hier und da die Wohngebiete in kleinerer Größenordnung erweitert, was man vielen Häusern heute noch ansieht: 50er-Jahre-Gebäude auf neuen Flächen an der Belvederestraße (3, Villen), im Umfeld Vitalisstraße (4, Mehrfamilienhäuser), westlich vom Nordfeld in Richtung Lövenich (5, Villen) sowie entlang des Lövenicher Wegs und des Kämpchenwegs: Wieder Villen. Kein Zufall, denn Köln braucht in Zeiten des sogenannten Wirtschaftswunders auch jede Menge Grundstücke für Villen und gehobene Einfamilienhäuser.
Weitere Veränderung: Im Grüngürtel sind die nördlichen Sportplätze verschwunden. Die Flächen gehen voll im Grüngürtel auf bzw. werden ganz im Norden zu Kleingärten. Achtung, grüne Falle: Dort befand sich das NS-Deportationslager. Der Kleingarten südlich der Bahnlinie und westlich der Belvederestraße läßt noch heute den Grundriß des Deportationslagers erkennen. Auf einem „Weg der Erinnerung“ entlang des Walter-Binder-Wegs kann man die gesamte Entwicklung dieses Kapitels räumlich nachvollziehen.
Weil in der Zeit des Wirtschaftswunders in ganz Köln viel neu gebaut oder wiederaufgebaut werden mußte, entsteht im Norden eine große Kiesgrube (6), die in den 80er Jahren wieder kleiner wurde und die es mittlerweile nicht mehr gibt.
Neu auf der Karte von 1955 für den Kölner Westen: In dem Plan ist eine Buslinie zwischen dem östlichen Müngersdorf und Ehrenfeld rot gestrichelt eingezeichnet (die rote 48). Und auf der Aachener Straße taucht die neue Straßenbahn als rote Linie auf, schon mit Wendeschleife am Stadion (die rote 25). Nach dem Weltkrieg wird auch die Aachener Straße - die neue Bundesstraße 55 - insgesamt kräftig verbreitert und ausgebaut und die Straßenbahn von der Innenstadt raus in den Kölner Westen gelegt.
1968
Ein Blick auf die Karte vom Kölner Westen von 1968 zeigt: Das Wirtschaftswunder hat richtig Fahrt aufgenommen, was man auch an der Einwohnerzahl erkennen kann. Jetzt sind es fast 7000 in Müngersdorf.
Im Norden beim Bahnhof Belvedere entsteht die LVR-Schule (1). An der Militärringstraße, auf der immer mehr Autoverkehr durchläuft, entsteht das erste Gebäude des Altenwohnheims (2). Und die Kiesgrube ist nochmal erweitert worden (3).
Wie überall in Köln wird auch in Müngersdorf weiterhin neuer Baugrund erschlossen. Vor allem die Ausweitungen an der Vitalisstraße (4) sowie östlich des Grüngürtels am Brauweilerweg (5) fallen ins Auge.
In Alt-Müngersdorf passiert auf den ersten Blick nicht so viel: Die Dorfstruktur bleibt erhalten. Aber hier werden seit den 50er Jahren nach und nach alte, bäuerliche Häuser und ehemalige Bauernhöfe abgerissen und durch moderne Gebäude mit anständigen Bädern, hellen Räumen und Balkonen ersetzt. In Müngersdorf findet man steinerne Beispiele wirklich jeder Dekade seit dem 19. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart. Solche Veränderungen sieht man auf den Karten nicht, aber im Archiv des Bürgervereins gibt es eine Reihe von Fotos dazu. Ein Beispiel: Im Ortskern ein Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert weg, schickes 50er-Jahre Haus hin.
Übrigens: Die Buslinie verläuft jetzt erweitert über den heutigen Alten Militärring in Richtung Westen und die Aachener Straße entlang. Und etwas schräg: Obwohl das Fort V in Müngersdorf 1963 geschleift wurde, ist es als Gebäude 1968 noch eingetragen (6).
1980
Nochmal ein größerer Sprung, vorletzte historische Karte: Ab den 1980er Jahren wird Müngersdorf ordentlich größer: Das Viertel „Am Egelspfad“ entsteht neu, im Nordwesten der Karte deutlich zu sehen (1). Irritierend finde ich, dass trotzdem die Einwohnerzahl von Müngersdorf zwischen 1968 und 1980 leicht zurückgegangen ist. Erklärungen dazu willkommen.
Was man noch sieht auf dem Plan von 1980: Die Kiesgrube (2) wird wieder kleiner, dafür entstehen neue Baugrundstücke vornehmlich für Büros. Überhaupt werden jetzt nach und nach die früheren großen Industrie- und Gewerbeflächen zwischen Müngersdorf, Braunsfeld und Ehrenfeld für die Stadtentwicklung immer wichtiger. So ist in dem Gebiet östlich der Vitalisstraße ein modernes, schickes Viertel entstanden (3).
Die Realschule steht auf dem Plan von 1980 schon (4) - aber noch an der vielbefahrenen Militärringstraße, die heute „Alter Militärring“ heißt und im Abschnitt von Altenheim und Schulen mittlerweile sehr ruhig geworden ist.
Damals war auf dem Militärring quer durch Müngersdorf (5) täglich Mega-Stau mit vielen Lastwagen. Zuviel für das „Dorf“. Von Hildegard Jahn-Schnelle habe ich erfahren, dass deshalb der Bürgerverein in den 70er und 80er Jahren hart für eine Umgehung von Müngersdorf gekämpft hat. Mit Erfolg. 1986 wurde die neue, auf vier Spuren erweiterte Militärringstraße inklusive Umgehung von Müngersdorf-Mitte eröffnet.
2000
So sieht man es auf der Karte von 2000, so kennen wir es heute, noch ein Vierteljahrhundert später. Aber das Jahr 2000 ist für uns ältere Semester gefühlt eh „neulich erst“ gewesen.
Die neue Schnellstraße „Militärringstraße“ (1) als Ortsumgehung bedeutet also für die Bewohner eine enorme Entlastung vom Durchgangsautoverkehr. Der heutige „Alte Militärring“ ist um die Jahrtausendwende herum mehr oder weniger eine reine Wohnstraße, auch wenn die Route immer mehr eine Schleichstrecke zwischen den neuen Gewerbe- und Wohngebieten im Westen wird. Aber noch erträglich nach der Einführung von Tempo 30 und neuen, klar definierten Radwegen - übrigens alles auch dank Bürgerverein Müngersdorf.
In der Grundstruktur hat sich auch zur Jahrtausendwende kaum etwas verändert. In Alt-Müngersdorf eh nicht, eher in den äußeren Gebieten des Stadtviertels. Veränderungen in Alt-Müngersdorf laufen in den vergangenen Jahrzehnten - ich habe es schon mal erwähnt - eher stiller ab. Veränderungen, die auf Stadtkarten nicht leicht erkennbar sind. Vor allem verschwinden hier und da einzelne ältere oder richtig alte Häuser, auf deren Grundstücken meist viel größere Wohnhäuer mit mehreren Parteien entstehen. Insoweit nicht ganz unproblematisch, wenn eine Villa mit vielleicht zwei Pkw einem Wohnhaus mit plötzlich 8 Pkw weicht.
Die auffälligste Veränderung, die auf dieser Karte noch nicht zu sehen ist, ist das Müngersdorfer Stadion (3), das von 2001 bis 2004 FIFA-gerecht für die Fußball-WM 2006 zu einer modernen und bundesweit bekannten Arena umgebaut wurde.
2026
Auf der Karte aus diesem Jahr erkennt man den Grundriß des neuen riesigen Stadions bestens. Und damit sind wir wieder in unserer Gegenwart angekommen.
Nach wie vor ist „Verdichtung“ ein Thema, aber wie gesagt halt nicht durch Flächenerweiterungen, denn es gibt schon lange keinen freien Acker mehr, sondern durch „höher, schneller, weiter“. Na ja: Köln braucht Wohnungen. Und für Bauherren muß es sich lohnen. Trotzdem ist die Stadt Köln gut beraten, noch genauer auf die Nutzung von Brachflächen - alte Industriegrundstücke und so weiter - zu schauen und die Finger vom Grüngürtel und anderen Grünflächen zu lassen.
Ein Positiv-Beispiel der Gegenwart ist die laufende Projektierung der schon erwähnten sogenannten „Weststadt“ (1). Es geht um ein riesiges Areal zwischen Aachener Straße, Militärringstraße westlich, Melatengürtel östlich bis hin zur Venloer Straße nördlich mit vielen Gewerbe- und Industriebrachen. Diese Projektierung betrifft nicht nur Müngersdorf, sondern auch Braunsfeld und Ehrenfeld. Immerhin sind die örtlichen Bürgergruppen - auch der Bürgerverein Müngersdorf - an der Diskussion beteiligt. Nach und nach sollen hier moderne Quartiere für Wohnen und Arbeiten entstehen. Köln wird's brauchen.
Alles für eine Großstadt normal, auch wenn ich mich persönlich über lokale Lichtblicke wie den Erhalt und die Modernisierung des Petershofs (2) durch die engagierten Menschen der „Machbarschaft Petershof“ freue. Das wird für das „Dorfleben“ in Müngersdorf richtig wichtig werden. Denn jeder Großstädter braucht auch ein bißchen Dorf.
Ich habe bei der Recherche für diesen Artikel noch etwas Lustiges (oder doch zum Weinen?) gefunden. Stichwort Stadion. Köln und die KVB haben neulich erst (Anfang 2026) beschlossen, den Straßenbahn-Bahnhof am Stadion (3) wegen der 90-Meter-Züge auszubauen. Kalkuliert sind 42 Millionen Euro. Mir wird da schwindelig. Raten Sie mal, was 1973 der komplette Neubau des heutigen Bahnhof- und Rangiergeländes gekostet hat. 7 Millionen. D-Mark.
Copyright alle Landkarten: Stadt Köln, „Katasterbestand und -service Köln“
> hier zum städtischen Kartenportal
Copyright Legendenebenen der Karten, Schmuckfoto u. Text: Hanno Frings, BVM 2026
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